InVitro-Urne -  eine neue Art der Naturbestattung

 

In den letzten Jahren ist die Tendenz nach liberalen Lösungen in der  Bestattungskultur gewachsen dabei steht der Wunsch nach einer naturnahen Beerdigung in einem Friedwald oder auf Streuwiesen oft im Vordergrund.

Fällt die Wahl auf einen Friedwald, so ist diese überwiegend mit langen Anreisewegen verbunden.

Auch Streuwiesen stellen eine Alternative dar - jedoch benötigen die meisten Angehörigen als Ort der Trauer  eine individuelle Beerdigungsstätte.

 

Ich habe daher eine naturnahe Beerdigungsart entworfen, die den zeitgemäßen Bestrebungen entgegen kommt und trotzdem auf jedem Friedhof realisiert werden könnte.

Die Erfindung ist eine Bestattungsurne, in der Pflanzenwachstum unter kontrollierten Kulturbedingungen während der Ruhezeit möglich ist.

Nach meinen Vorstellungen wird die Asche in der Urne auf terrassenförmige Wachstumsflächen (s. Abb.) verstreut und dem Stoffwechselprozess von Pionierpflanzen in einer abgeschlossenen Vegetation zur Verfügung gestellt.  Das mineralisiertes Produkt sterblicher Überreste trifft auf Sporen bzw.  Erbmaterialien von Moosen und Flechten, die auch überall in unserer Umwelt  vorkommen.

 

Die porösen Tonwände des Urnengefäßes gewährleisten eine Zufuhr der nötigen Feuchtigkeit. Einfluss von Lichtenergie ermöglicht ein transparenter Deckel; gefasst in eine Grabplatte oder einen Profilring wird die Urne damit fest verschlossen und gleichzeitig im Boden fixiert. Das Gefäß wird soweit ins Erdreich eingelassen bis der Deckel mit der Erdoberfläche abschließt. 

Ein besonderer Vorteil der Urne ist der Schutz des Grundwassers vor Verunreinigungen durch Schwermetalle aus den sterblichen Überresten.

Eine herkömmliche Bestattungsurne beherbergt das Kremationsprodukt unter hermetischem Abschluss. Die molekulare Zusammensetzung bleibt dadurch über die Jahre stabil. Spätestens nach der verordneten Ruhezeit haben die sterblichen Überreste ausgedient: Das Gefäß wird entsorgt und die Asche in Sammelgruben deponiert.

 

Im menschlichen Organismus lagern sich Verbindungen von ca. 30 verschiedenen Metallen ab. Einige wirken stark toxisch und haben als Schwermetalle umweltrelevante Bedeutung.

Mit den sterblichen Überresten werden auch diese Schwermetalle in konzentrierter Form dem Erdreich übergeben und bilden nach ihrer Auswaschung eine Gefahr für das Grundwasser. Bestimmte Moospflanzen integrieren besonders diese Art von Metallverbindungen in ihren Stoffwechsel. Sie könnten dadurch zum Abbau der Aschetoxizität innerhalb der Urne beitragen und die Umwelt davor bewahren.

Zur Assimilation von Mineralien in Pflanzen läuft eine Vielzahl chemischer Reaktionen ab. Aufgenommene Nährstoffe werden dabei in zelleigene Komponenten umgewandelt. So entstehen verschiedene Zuckerarten, Aminosäuren, organische Säuren, Nukleotide, Lipide etc. - Bausteine biologischer Materie.

Auf diese Weise könnten alle Bestandteile der Asche ihren Weg in neue lebensfähige Kreisläufe finden.

 

Die Würde liegt im Schönen

Die Ästhetik der InVitro-Urne mit ihrer klaren, schnörkellosen Form, hellen Farbe und ihrem Deckel aus Glas verleiht dieser Kultur der Bestattung Anmut und Würde. Der Glasdeckel der InVitro-Urne ist konvex, sodass Verschmutzungen – durch Regenwasser gelöst – durch die Wölbung leicht abfließen können. So wird nicht nur die Ästhetik des Gefäßes auf natürliche Weise immer wieder hergestellt, sondern auch der Lichteinfall für die Stoffwechselprozesse der Pionierpflanzen gewährleistet. Durch den Blick in das Innere des Gefäßes kann der Prozess beobachtet werden, bei dem sich die sterblichen Überreste in neues Leben umwandeln: Der universale Gedanke von „Alles ist Eins und Eins ist Alles“ wird nachvollziehbar. Die Urne kann entweder direkt in das Erdreich eingelassen und dort mithilfe ihres Profilrings fest verankert oder in eine Grabplatte integriert werden. Hierbei befindet sich der Urnenkörper im Erdreich unterhalb der Grabplatte. Auch eine Umrandung aus Ton als oberer Abschluss des Urnenkörpers, auf welcher der Glasdeckel aufliegt, ist durchführbar: Auf ihr können der Name des Verstorbenen oder Inschriften auf- oder eingebracht werden.

 

 Seit Beginn meiner Idee zu der Wachstums-Urne bin ich mit dem Ausdruck In-Vitro verhaftet - wegen des lichtdurchlässigen Deckels, das Gefäß einen Prozess in sich führt und der Vorgabe (für immer) hermetisch verschlossen zu sein. 

 

Der Apparat
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Die Abbildung zeigt die geschlossene Urne bzw. das Aufnahmegefäß (1) in einer Teilschnittansicht. Die Vorsprünge oder Absätze (3) sind in diesem Ausführungsbeispiel als umlaufende Ringflächen an der Innenwand (2) der Urne vorgesehen. Diese Vorsprünge dienen zur Vergrößerung der Fläche für das Pflanzenwachstum innerhalb der Urne. In diesem Ausführungsbeispiel ist ein einteiliger Profilring (5) vorgesehen, in den ein Glas (4) mit konvex ausgebildeter Oberfläche eingelegt ist. Ein Schenkel des Profilrings (5) ist derart ausgebildet, dass er auf dem Erdreich aufliegt und somit die Urne in ihrer Lage ortsfest verankert.

© Theo Lustig, Berlin

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